Innovationskreis „Digitale Transformation“: Rückblick auf den Kick-off-Workshop

Letzte Woche fand der Kick-off Workshop zu unserem Innovationskreis „Digitale Transformation – Konsequenzen für die Personalentwicklung“ statt. Beteiligt sind Vertreter der Bereiche PE / L&D / Berufsbildung von Allianz, Bayer, Digicomp, IBM Research, Kühne & Nagel, Merido, Mobiliar, Post-CH, Schindler und Swisscom. Im Mittelpunkt des Kick-off-Workshops standen eine erste Standortbestimmung, das gegenseitige Kennenlernen, die Orientierung im Themenfeld und die Ausrichtung der Arbeitsgruppen innerhalb des Kreises auf wichtige Arbeitsfelder.

Schon im Rahmen der ausführlichen Vorstellungsrunde wurde deutlich, wie unterschiedlich und vielfältig die mit „digitaler Transformation“ verbundenen Themen und Herausforderungen sind. Sie reichen von neuen Formen der Zusammenarbeit über Kulturveränderung und Innovationskultur sowie virtuelles Lernen on Demand (z.B. in der Touchpoint-Ausbildung ebenso wie in COOCs) bis hin zu Fragen nach den zentralen Kompetenzen für die digitale Welt, den Implikationen für Führung und Führungshandeln, den Möglichkeiten zur Förderung von Agilität im Unternehmen und einer Vision sowie einem Masterplan für L&D.

Wir haben uns entschieden, bei unserer gemeinsamen Arbeit nicht mit den grossen Fragen (Vision und Masterplan für L&D) zu starten, sondern zunächst einmal mit konkreten Fallstudien. Die Formulierung einer Gesamtsicht, einer Vision sowie eines Masterplans für L&D können wir vermutlich besser am Ende des gemeinsamen Arbeitsprozesses gegen Ende 2017 angehen.

Ein erster Praxisbeitrag kam von Martin Wilckens (Deutsche Telekom, Bonn). Für die Deutsche Telekom betrifft Digitalisierung sowohl die technische Basis der eigenen Dienstleistungen (z.B. hybride Netze), die an Kunden gerichteten Leistungsangebote (z.B. individuell zusammengestellte Leistungspakete) als auch die Geschäftsmodelle (z.B. Daten als Ressourcen und Netzwerkeffekte). Eine von Martin Wilckens besonders betonte Herausforderung bezieht sich auf das Konzept der „Ambidexterity“ (Beidhändigkeit): einerseits müssen zukunftsträchtige Geschäftsfelder (und damit verbunden neue Geschäftsmodelle) verfolgt werden; andererseits muss aber auch das gegenwärtig noch profitable Kerngeschäft verfolgt werden; es geht also um ein sowohl als auch, um ‚Exploration‘ (in Bezug auf Neues) UND ‚Exploitation‘ (aktuell Bestehendes). Diese Beidhändigkeit muss durch Organisation, Kultur, Arbeitsumgebung, Lernaktivitäten und Werkzeugsammlungen unterstützt werden.

Das konzernweite Transformationsprogramm „Digital@Work“ der Deutschen Telekom umfasst daher die folgenden fünf Arbeitsbereiche:

  • Agile Organisation
  • Culture of Sharing
  • Future Work
  • Digital Learning
  • Digital Tool World

Martin Wilckens ermöglichte uns kurze Einblicke u.a. in die Bereiche agile Organisation (u.a. grosse Bedeutung von Design Thinking als Arbeitsmethodik), Arbeitswelten (z.B. „Latte Macchiato Office) und digitales Lernen (z.B. Corporte MOOC) (vgl. ergänzend dazu den Kurzbericht in diesem Blogbeitrag).

Ein zweiter, kürzerer Praxisbericht kam von Roy Franke (CYP, Zürich), der per Webmeeting zugeschaltet war. Wir hatten im Vorfeld eine kurze Fallstudie zu CYP gelesen (verfügbar über diesen Blogbeitrag) und hatten Gelegenheit, vertiefende Fragen an Roy Franke zu stellen. Dabei trugen wir auch die zentralen Veränderungen zusammen und verorteten diese auf einem Business Model Canvas nach Osterwalder / Pigneur.

Ein weiterer Praxisbericht kam von Dr. Lars Satow (SAP Education, Markdorf) zum Thema „Digitalisierung in der Ausbildung von SAP Professionals“. Auch hier hatten die Teilnehmenden eine (noch nicht publizierte) Fallstudie vorab gelesen. Ausgehend von Kundenanforderungen wie zeit- und ortsunabhängiger Zugang zu SAP-Trainingsmaterialien, Unterstützung des „auf-dem-aktuellen-Stand-Seins“ bei 3-monatigen Release-Zyklen, bessere Transferunterstützung und individuell zugeschnittene Lernangebote wurden bei SAP Education eine Vision für digitales Lernen von SAP-Anwendern entwickelt und ab 2013 verschiedene Innovationen lanciert: die Open-SAP Kursplattform (MOOCs), das SAP Learning Hub und die SAP Learning Rooms. Lars Satow stellte insbesondere die Einführung eines pauschalen Abo-Modells („Learning Flat“) für das SAP Learning Hub ab 2014 und die Möglichkeiten der Interaktion mit Moderatoren, Experten und anderen Lernenden in den Learning Rooms als entscheidende Innovationen heraus, die zum Erfolg dieser Initiativen beigetragen haben.

In der gemeinsamen Diskussion ging es u.a. um Fragen nach kulturellen Unterschieden bei der Nutzung von online Trainingsressourcen (z.B. Deutschland vs. Indien – hier spielen insbesondere die verfügbaren Alternativen eine wichtige Rolle) und auch um Fragen nach Unterschieden zwischen SAP Professionals versus SAP Endanwender als Zielgruppe für online Lernangebote (letztere möchten bzw. müssen stärker durch umfangreiche Gesamtangebot des SAP Training Hub geführt werden).

Um besser in den immer noch wenig durchschaubaren Dschungel der „Digitalisierung“ eindringen zu können, haben wir dann ein Rahmenkonzept von Prof. Dr. Jan Marco Leimeister (Wirtschaftsinformatik, Universität St.Gallen) herangezogen. Prof. Leimeister erläutert sein Konzept in diesem Video. Sein Modell beinhaltet drei zentrale Stossrichtungen bzw. Logiken der Digitalisierung:

  • Prozesse (backstage)
  • Nutzer- (bzw. Stakeholder-) & Nutzenorientierung (frontsage)
  • („smarte“) Produkte & Services

Wir haben nun versucht, dieses Modell für das Arbeitsfeld „Corporate Learning & Development“ zu adaptieren und dabei mögliche Themen für Arbeitsgruppen innerhalb des Innovationskreises zu verorten (vgl. Abbildung). Dies ist ein erster Versuch – wir freuen uns über konstruktive Kommentare und Rückmeldungen dazu!

Stossrichtungen der Digitalisierung (schwarz), Beispiele (dunkelgrün) und Arbeitsfelder für den Innovationskreis (limette)

Die Stossrichtung „Prozessoptimierung / Automatisierung“ ist die älteste Stossrichtung im Hinblick auf digitale Transformation. Hier wurde die Distribution von digitalen Lernmaterialien und die Steuerung von Lernprozessen via LMS schon vor mehr als 15 Jahren eingeläutet. Aktuellere Entwicklungen betreffen beispielsweise Plattformen für ein durchgängiges Kompetenzmanagement in Organisationen (von der Skill-Gap-Analyse über die Entwicklungsplanung bis zum Management-Dashboard) oder Werkzeuge für ein phasenübergreifendes, kollaboratives Arbeiten im Rahmen der Bedarfsklärung und didaktischen Grob-Konzeption. Aktuelle Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in dieser Dimension betreffen beispielsweise (teil-)automatisierte Vorgehensweisen bei der Erstellung von Lerninhalten.

In der Stossrichtung „Nutzer- / Nutzenorientierung“ geht es um zentrale Anliegen von Lernenden und anderen Anspruchsgruppen. Entwicklungen wie multimediale Lernmedien, Performance Support am Arbeitsplatz oder Angebote für mobiles Lernen greifen deren Anliegen auf: attraktive Lernmedien, Nutzung von Wissens- / Lernmedien am Arbeitsplatz und unterwegs, etc. Auf dieser Dimension bzw. Stossrichtung verorten wir auch die gegenwärtig weit herum diskutierte Frage nach den Kompetenzen, die in einer digitalisierten Welt wichtig sind bzw. wichtig werden.

In der Stossrichtung „(smarte) Produkte & Services“ sehen wir aktuell grosse Investitionen in adaptive Lernumgebungen bzw. intelligente tutorielle Systeme (z.B. Knewton, ALEKS, area9, SCALE, etc. – vgl. dazu verschiedene Posts auf scil-blog.ch). Eine weitere interessante Entwicklung – sowohl für Einzelpersonen als auch für Unternehmen – stellt das neue Angebot Linkedin Learning dar, das eine grosse Online-Bibliothek von Lerninhalten (Lynda.com) mit den Daten und Nutzerprofilen eines berufsorientierten sozialen Netzwerks (Linkedin) verbindet. Die daraus entwickelten Services richten sich sowohl an Einzelpersonen (z.B. Empfehlungen für Lerninhalte / Lernaktivitäten) als auch an HR-Stellen in Unternehmen (z.B. Recruiting, Personalentwicklung, Outplacement).

Im weiteren Verlauf des Innovationskreises werden wir im Rahmen von thematisch ausgerichteten Arbeitsgruppen verschiedene Fragestellungen bzw. Entwicklungsprojekte bearbeiten. Die Themenräume für diese Arbeitsgruppen sind versuchsweise in der Abbildung oben verortet:

  • Kompetenzen für die digitale Welt;
  • Technologie-unterstütztes Lehren und Lernen;
  • erweitertes Leistungsportfolio von L&D;
  • Big Data & Analytics;
  • Optimierung von Leistungsprozessen bei L&D;
    und schliesslich als übergreifendes Thema
  • veränderte Betriebs- und Geschäftsmodelle für L&D.

Im Verlauf der Arbeit an den verschiedenen Einzelvorhaben in diesen Themenräumen sollen Grundsätze eines am rapid prototyping bzw. design thinking orientierten Vorgehens berücksichtigt werden. Wir von scil begleiten und unterstützen diesen Prozess und sind gespannt auf die weitere Arbeit und die daraus resultierenden Ergebnisse!

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