Aspekte von Selbstlernkompetenz

Wir haben hier ja schon verschiedentlich das Thema Selbstlernen aufgegriffen. Beispielsweise in einem Post von Sabine Seufert im letzten Jahr, in dem sie auf Ergebnisse aus dem Continuing Vocational Training Survey (CVTS4) zur Verbreitung von Selbstlernen verwies.

Selbstlernen beinhaltet drei Aspekte, die voneinander unterschieden werden können und die in unterschiedlichem Grad zum Tragen kommen können:

  • Selbstorganisation: sich um die Rahmenbedingungen des (vordefinierten) Lernprozesses (Unterlagen, Ort, Zeit, Dauer, Prüfungstermin usw.) selbst kümmern;
  • Selbststeuerung: sich auf dem Weg zu (vorgegebenen) Lernzielen selbst motivieren und steuern;
  • Selbstbestimmung: die Ziele selbst definieren und das Erreichen der Ziele selbst kontrollieren (vgl. Zürcher, 2007, S. 36).

Selbstlernen kann der Modus für Lernen im Rahmen formal organisierter Lernprozesse sein. An Hochschulen, beispielsweise, können Selbstlernaktivitäten ein wichtiger Baustein der Lernarchitektur sein und verschiedene Formen umfassen – etwa computerbasierte Tutorials (WBT), problembasiertes Lernen oder Lern- und Übungsprojekte (vgl. Landwehr / Müller 2006). Selbstlernen und Selbstlernkompetenzen erhalten mit der zunehmenden Bedeutung von informellem Lernen in Organisationen auch hier eine grössere Bedeutung.

In einem Beitrag von A. Dilk für die Zeitschrift managerSeminare, der mir jetzt in die Hände gefallen ist, werden zentrale Aktivitäten und Aufgaben für Selbstlernen aufgeführt. Selbstlernkompetenz bedeutet, diese Aktivitäten und Aufgaben bewältigen zu können:

  • Ziele setzen: Was will ich können / erreichen?
  • Ausgangssituation analysieren: Wo stehe ich? Was bringe ich mit?
  • Motivation überprüfen: Warum will ich das jetzt lernen?
  • Grundwissen erwerben: Was beinhaltet das gewählte Thema / Gebiet / Feld? Was sind zentrale Konzepte, Verfahren, etc.?
  • Gelegenheiten zum Weiterlernen finden und nutzen: Wissen, das man nicht anwendet, bleibt träge und geht schnell wieder verloren. Aufgaben und Aufträge, bei denen man Gelerntes anwenden kann, ermöglichen oft auch das schrittweise Erweitern der eigenen Fähigkeiten.
  • Verknüpfungen herstellen: Neues Wissen kann dann besser verankert werden, wenn es mit bestehendem Wissen und Erfahrungen / Erlebsnissen verknüpft werden kann.
  • Lerngelegenheiten suchen und einplanen: Was sind gute Gelegenheiten (z.B. die nächste Dienstreise), um eine kurze Lernphase einzuschieben?
  • Checklisten und Standortbestimmungen nutzen: Welche (Teil-)Ziele habe ich schon erreicht, welche Teilstrecke schon zurück gelegt?
  • Lernwiderstände erkennen und angehen: Zurückgehende oder fehlende Motivation kann auch ein wichtiger Hinweis sein: ist dieser Bereich wirklich wichtig im Rahmen der eigenen Zielsetzungen? Braucht es Hilfen, um z.B. die geplante Lernzeit auch durchzuhalten?
  • Austausch suchen: Wer ist auch mit einem Selbstlernprojekt unterwegs? Wechselseitiger Austausch und gemeinsame Reflexion zu Fortschritten und Hürden sind sehr motivierend und ermutigend.
  • Transfer planen: Neu Gelerntes in den (Arbeits-)Alltag zu integrieren, ist eine Herausforderung, letztlich aber das Ziel. Hier hilft, Verbindlichkeit herzustellen (z.B. sich etwas für die nächste Arbeitsbesprechung vorzunehmen und dies auch im Kalender einzutragen oder einen Kollegen in die eigenen Ziele einzuweihen).
  • Erfolge bestimmen und dokumentieren: Wo zeigen sich Fortschritte? Was macht man jetzt anders als zuvor? Dabei die Latte nicht zu hoch legen („Lernen findet oft im Kleinen statt.“)

Wir gehen häufig davon aus, dass wir selbst (oder – aus der Perspektive von Personalentwicklern: dass bestimmte Mitarbeitergruppen) all dies schon „irgendwie“ können und auch tun. Hier ist aus meiner Sicht eine Portion Skepsis angebracht. Die sehr hohen Abbrecherquoten etwa bei MOOCs aber auch bei geführten und begleiteten Fernstudiengängen, beispielsweise, sind ein Indiz dafür, dass längst nicht alle, die Selbstlern- bzw. Selbststudiumsaktivitäten beginnen, über die oben aufgeführten Aktivitäten auch erfolgreich dranbleiben können. In ihrem Beitrag für Dilk folgende Zahlenreihe an:

  • ca. 900 Studierende jährlich schreiben sich für ein Einsteiger-Modul der Fernuniversität Hagen (Deutschland) ein;
  • ca. 700 beginnen das Studium tatsächlich;
  • ca. 300 melden sich zur Prüfung an;
  • ca. 100 kommen zu den die Prüfung vorbereitenden Präsenzveranstaltungen;
  • ca. 60 von diesen bestehen die Prüfung.

Auch wenn es für die Ausstieg aus dem Kurs / Programm verschiedene Gründe geben mag (z.B. auch, dass man mitgenommen hat, was man mitnehmen wollte und gar nicht auf die Teilnahme an der Prüfung aus war) – diese Zahlen verweisen doch auf ein Entwicklungspotenzial im Hinblick auf Selbstbestimmung, Selbstorganisation und Selbststeuerung beim Lernen.

 

Dilk, A. (2013). Dranbleiben! managerSeminare, Heft 187, Oktober 2013, S. 54-59.

Landwehr, N., & Müller, E. (2006). Begleitetes Selbststudium. Didaktische Grundlagen und Umsetzungshilfen. Bern: h.e.p. verlag ag.

Zürcher, R. (2007). Informelles Lernen und der Erwerb von Kompetenzen. Theoretische, didaktische und politische Aspekte. Wien: Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, Abteilung.

3 Comments

  1. Veröffentlich von Ursula Freuler-Büchel am 15. Mai 2014 um 19:37

    Lieber Christoph, das ist sehr interessant.
    Ich kann die Erfahrung nur unterschreiben. Es sind sehr wenige, die von den Selbstlernmöglichkeiten, die für die amerikanischen Materialien bei der Entstehung im Design Bedingung sind, tatsächlich nutzen. Die meisten buchen das Angebot in eine Klasse zu kommen. Es gibt dann auch jene, die den Schritt ins Selbststudium zwar wagen, aber nicht erfolgreich sind oder gar nicht zur Prüfung antreten.

    Das was mich beeindruckt sind die Relationen in den Zahlen. Es ist noch extremer als gedacht. Wäre spannend Zahlen aus USA zu erhalten.

    • Veröffentlich von Christoph Meier am 15. Mai 2014 um 21:00

      Liebe Ursula
      Nun ja, Zahlen aus den USA gibt es ja z.B. im Hinblick auf die Abbrecherquoten bei MOOCs (sehr hoch). Sebastian Thrun von Udacity hat ja grosse Anstrenungen unternommen, die Abbrecherquoten bei seinen Kursen zu senken, war aber nicht so erfolgreich, wie er erhofft hatte. Aber bei diesen MOOCs kann es ja viele Gründe dafür geben, warum viele Teilnehmende abbrechen – z.B. weil sie aus Neugierde ohnehin nur mal reinschnuppern wollten.
      Mich würde interessieren, bei welchen in dem Post genannten Aspekten von Selbstlernkompetenz du bei euren Teilnehmenden die grössten Lücken / Entwicklungspotenziale siehst und wo sie aus deiner Sicht eigentlich schon ganz gut unterwegs sind…

  2. Veröffentlich von Wie werden erfolgreiche Mitarbeitende in der Zukunft arbeiten? | | am 20. Dezember 2015 um 07:36

    […] dass selbstorganisiertes / selbstgesteuertes / selbstbestimmtes Lernen (vgl. zur Differenzierung nach Zürcher 2007 hier) ermutigt und unterstützt werden muss – von Learning Professionals ebenso wie von […]

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