Manfred Spitzer: Erfolgreich Lernen – trotz digitalem Zeitalter

Auf Einladung der der Rudolf-Steiner-Schule war gestern Abend Manfred Spitzer (Universität Ulm) zu Gast in St. Gallen – so konnte ich den engagierten Neurowissenschaftler vor meiner Haustür live erleben. Der Titel seines Vortrags lautete: „Erfolgreich Lernen – trotz digitalem Zeitalter“ und er präsentierte seine Thesen aus dem Buch „Digitale Demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen„.

Worum geht es? „Digitale Medien nehmen uns geistige Arbeit ab. (…) Wenn wir unsere Hirnarbeit auslagern, lässt das Gedächtnis nach. Nervenzellen sterben ab, und nachwachsende Zellen überleben nicht, weil sie nicht gebraucht werden. Bei Kindern und Jugendlichen wird durch Bildschirmmedien die Lernfähigkeit drastisch vermindert. Die Folgen sind Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste und Abstumpfung, Schlafstörungen und Depressionen, Übergewicht, Gewaltbereitschaft und sozialer Abstieg.“

Interessant fand ich seinen Einstieg mit Bildern von massiv operierten oder reduzierten Gehirnen bei Personen, die äusserlich unauffällig lebten. „Im Gehirn kann viel kaputt gehen und man merkt gar nichts davon. Sie merken es erst, wenn bereits unheimlich viel kaputt ist.“ Spannend fand ich auch die von ihm aufgezeigten Studien, die zeigen, wie innerhalb weniger Tage zahlreiche neue Synapsen an Nervenzellen entstehen können und damit die Plastizität unseres Gehirns dokumentieren.

Spitzer trägt sehr pointiert vor, führt Studien zum Zusammenhang von Medienkonsum und Schulerfolg sowie zum Zusammenhang von Lernaktivitäten und der Entwicklung von Hirnregionen an (Lernen für die Taxifahrer-Prüfung in London und die Ausdehnung des Hypothalamus) und polarisiert mit seinen globalen Aussagen, wie schon an anderer Stelle herausgestellt wurde (z.B. von Martin Lindner auf Carta). Seine pointierten Aussagen machen Spass („Wenn sie den Nachwuchs an Informatik-Fachleuten fördern wollen, was machen sie mit den Kindern im Kindergarten? iPads zur Verfügung stellen oder Fingerspiele spielen lassen? Fingerspiele!“), schiessen aber leider immer wieder über das Ziel hinaus („Eine Schulpolitik, die den Einsatz von Computern bei Schülerreferaten fördert, verordnet, dass nichts in die Köpfe kommt“ [aufgrund der Verführung der Schüler zu copy-paste-Operationen] oder „Ein Computer in der Schule macht die Schüler schlechter, nicht besser.“)

Seine Hinweise dazu, dass eine gute Allgemeinbildung eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Nutzung von Suchmaschinen darstellt und dass der flächendeckende Aufbau von Infrastrukturen (Notebooks, Smartboards, etc.) in Schulen ohne sinnvolle didaktische Nutzungsszenarien die Bildungsetats unnütz belastet (und das Geld in zusätzlichen Stellen für Lehrpersonen vermutlich besser angelegt wäre) sind berechtigt; aber in diesem Zusammenhang von der „Vermüllung der Gehirne unserer Kinder durch PCs in Schulen“ zu sprechen, das kann ich nicht nachvollziehen. Spitzer ist im Grenzbereich von kognitiver Neurowissenschaft und Psychiatrie beheimatet, aber kein Pädagoge oder Didaktiker. Er macht Aussagen zu Auswirkungen der (übermässigen) Nutzung von digitalen Medien (PC, Internet, Videospiele, etc. – hier wird nicht differenziert) auf Gehirnstrukturen, auf funktionale Hinregionen (auch auf Habitualisierungen und Lebensgewohnheiten) und schliesst dies mit langfristigen Fehlentwicklungen (Verdummung, Sucht, Isolation, etc.) kurz. Aber die Details von Lehr-Lernprozessen hat er nicht wirklich im Blick. Erfolgreich Lernen – trotz digitalem Zeitalter heisst bei Spitzer einfach Lernen ohne PC – zumindest bis einschliesslich Sekundarstufe I. Ab Sekundarstufe II darf dann auch mal der Computer dazukommen – wobei das „wie“ offen bleibt – Medienkompetenz ist aus Sicht von Spitzer einfach nicht relevant.

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